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Ballsport und Bier gehören für mich einfach zusammen.
Ich beschließe, mir das Endspiel der Champions League in Form von Public Viewing reinzutun. Beim alleine Gucken wäre mir das Ergebnis wumpe. Aber ich lasse mich immer gerne von einer gewissen Stimmung anstecken und kann da gut eintauchen. Solche Menschenansammlungen sind mein natürliches Revier. Zum Mitfiebern suche ich die Nähe einer Blondine Ende Zwanzig, die sich, zum Glück, mit einem rot-weißen Schal dekoriert hat. Chelsea ist einer der wenigen Clubs, die mich regelrecht anekeln. Hätten sie und ihre Freundinnen blaue Schals um, würde ich aber auch englische Jubelschreie heucheln. Prinzipien sind ja überflüssig geworden.
Kurz vor dem Anpfiff: Ich bemerke Blondies fast leeren Becher und drücke ihr einen neuen in die Hand.
12. Minute: Blondie bemerkt meinen nur noch halbvollen Becher und drückt mir einen neuen in die Hand.
21. Minute: Arjen Robben knallt den Ball auf's Tor, aber der Torwart pariert. Ich ahme Blondies Reaktion nach, lege beide Hände hinter den Kopf und beuge mich nach hinten. Dann klatschen wir aufmunternd. Nur noch 70 Minuten. Hoffentlich.
36. Minute: Wir fassen uns gegenseitig an der Schulter und hüpfen leicht hoch. Müller schießt knapp vorbei.
Halbzeit: Ich nutze die Gelegenheit, um mich vorzustellen und meinen Begleiter auf Blondies Freundin anzusetzen. Es dauert lange, frisch gefüllte Becher aufzutreiben.
49. Minute: Chelsea kommt besser ins Spiel. Ich hoffe, meine Hand um Blondies Hüfte gibt ihr Kraft, diese Phase durchzustehen.
83. Minute: Müller köpft das 1:0. Blondie und ich liegen uns in den Armen. Es fällt kaum auf, dass ich mich hauptsächlich mit ihrem göttlichen Apfelhintern beschäftige. Der Pokal ist für Bayern und mich in Reichweite.
88. Minute: Drogba macht den Ausgleich. Wir sind entsetzt. Aus unterschiedlichen Gründen.
93. Minute: Robben verschießt einen Elfer. Der Holländer ist dabei, mir ordentlich die Tour zu vermasseln! Ich beweise aber mehr Kampfgeist als die Fussballmillionäre und schaffe es, eine Hand dauerhaft unter Blondies T-Shirt zu parken.
Elfmeterschießen: Ich weiß als Einziger, dass das nie nix mehr wird. Bitterer Abend für Bayern, noch bitterer für Capt'n Koons. Drogba verwandelt den letzten Elfer. Kein Urlaub mehr in Holland, England und der Elfenbeinküste.
Ich motiviere mich ein letztes Mal, setze einen unschuldigen Blick auf und frage Blondie:
"Finale dahoam?" ++++
++++ Ich begegne meinem (Quasi-)Chef morgens um halb zehn im Fahrstuhl. Er sieht die gepackte Tennistasche in meiner Hand.
- "Was'n los? Machst Du jetzt schon Feierabend, Koonsi?"
- "Ich geh mal Tennisspielen. Habe heute keine Lust auf Minesweeper."
- "Was'n das?"
- "Also, da spielt man sich zu zweit oder zu viert einen meistens gelben Ball gegenseitig zu und muss..."
- "Das andere meine ich! Man kriegt von Dir auch niemals eine normale Antwort, es ist..."
- "Normalität gibt es nicht. Nur Normvarianten."
- "Genau diesen Scheiß meine ich!"
- "Dachte, das ist von Dir. Bis später dann."
- ".... [Chef gluckst] ...."
In Wahrheit befindet sich in meiner Tasche nur 1 USB-Stick mit einer Textdatei und der einen Hälfte einer Sounddatei.
Ich muss zuhause was erledigen. ++++
++++ Ich zuckele einem LKW in einem Tunnel hinterher. Im Rückspiegel tauchen die hellen Lichter eines schwarzen Kombis mit Stern auf. Er fährt so dicht auf, dass ich die Scheinwerfer kaum noch sehen kann und vollführt hinter mir eine Art Formel-1-Slalom. Offenbar hat er mächtig Angst, dass seine Reifen auskühlen könnten. Ich beginne sachte, mir den Hinterkopf gut sichtbar mit dem rechten Mittelfinger zu kratzen. Als der LKW abbiegt, ist die Fahrbahn frei. Ich beschleunige auf 130 und hoffe, dem Mann damit eine Freude zu machen. Hauptsächlich hoffe ich aber, einen in mein Heck gebohrten Stern abwenden zu können. Er klebt immer noch hinter mir und fängt an, mit der Lichthupe zu spielen. Als er hochgradig erregt und laut fluchend zum Überholmanöver ansetzt, warte ich, bis er auf gleicher Höhe mit mir ist und kratze mir diesmal mit dem linken Mittelfinger die Stirn. Dann gebe ich dem ebenso infantilen wie prolligen Verlangen nach einem Kickdown nach, bis ich den Stern nur noch als kleinen Punkt im Rückspiegel sehe. Erst jetzt wird mir klar, dass das gerade mein Schwiegervater war. Ich seufze.
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++++ Ich spaziere über die Pflastersteine meiner Heimatstadt und muss an früher denken. Als kleiner Junge war ich oft mit meinen Eltern auf dem Wochenmarkt. Nach dem gemeinsamen Einkauf von Obst und Gemüse haben wir uns meistens aufgeteilt. Meine Mutter ging Schaufensterbummeln und Gedöns kaufen und ich bekam von meinem Vater ein Eis spendiert. Irgendwann, wenn es nach Hause gehen sollte, signalisierten meine Eltern sich gegenseitig durch abwechselndes Pfeifen ihren momentanen Standort, so lange, bis sie sich sehen und in die Arme schließen konnten. Es war kein grelles Komm-jetzt-her-Pfeifen sondern ein liebevolles Trällern wie bei
Unzertrennlichen, das das Wiedersehen ebenso herbeisehnte wie feierte. Dieses Geräusch gehört zu meinen intensivsten Kindheitserinnerungen und gab mir immer viel Halt, obwohl es ja nie mir gegolten hatte. An diesem Tag vor wenigen Wochen wurde mir erstmals bewusst, dass das Pfeifen schon vor zweieinhalb Jahrzehnten für immer aufhörte.
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